Biografisches
von
Dr. Wilfried Kugel, Berlin 1994
DER ZAUBERLEHRLING Ewers wollte »Rauschkunst«
schaffen. Konsequenterweise ließ er selbst von seiner Jugend bis ins hohe
Alter keinen Rausch aus. Und logischerweise erschien ihm der Trennstrich zwischen
Realität und Phantasie immer unscharf. Beachtlich sind die Resultate dieser
inszenierten Wirklichkeit: 1901 war Ewers Mitbegründer, später Leiter
des ersten deutschen Kabarett »Ueberbrettl«, 1912 überzeugte
er mit einem Multi-Media-Spektakel im Zirkus, 1913 begründete er den »Autorenfilm«,
1919 schrieb er das erste deutsche Musical, welches leider nie aufgeführt
wurde. Als Herausgeber und Übersetzer machte Ewers das deutsche Publikum
mit der phantastischen Weltliteratur bekannt - mit Gautier, mit Boutet, mit
Villier, mit einer »Bibliothek des Absonderlichen« und einer »Galerie
der Phantasten«. Denn: »Über dem Deutschen, über dem Briten
und Franzosen steht eine höhere Nation: die Kulturnation; für sie
zu schaffen ist des Künstlers allein würdig.« (Edgar Allan Poe,
Berlin/Leipzig 1906, p.40) Ewers sah sich selbst in
den Fußstapfen von E.T.A. Hoffmann und E.A. Poe wandelnd als Dichter einer
»phantastischen Wirklichkeit«, deren grauenhafteste Details er dem
Publikum in einem schonungslosen, reportagehaften Stil grell ausleuchtete. Hanns
Heinz Ewers sucht das Exotische natürlich nicht nur im Wohnzimmer; noch
intensiver fahndet er im Schlafzimmer nach den Mysterien und verfolgt die Protagonisten
seltsamster Paarungsriten von ihrer Buhlstatt bis in die Dschungel Asiens, Südamerikas,
bis aufs erotische Capri, bis in norwegische Fjorde oder gar bis ins hinterste
Hinterpommern. Eine perverse Phantasie warfen ihm die Kritiker vor, nicht wissend,
daß sich Ewers die meisten seiner Sujets aus einem reisereichen Leben
fischte. Diese baut er phantastisch aus, schlägt darüber einen Spannungsbogen,
der dem Publikum den Atem verschlägt; bis zum bitteren Ende verlangen die
Geschichten gelesen zu werden. Immer wieder eingesprengt - Halluzinationen,
Traumszenen. Ewers beherrschte sein Handwerk, ob er Fabeln, Romane, Grotesken,
Reiseberichte oder Kulturfeuilletons schrieb. Seine Lieblingsthemen - Massensuggestion,
Blutdurst, Geschlechtsumwandlung, Mumien, Leichenschänder, Voodoo, Hörigkeit,
»sexuelle Zwischenstufen« und so fort. Doch in all seinen Geschichten
spukt die männermordende Göttin Lilith, das Einemal als Vamp, das
Anderemal als Spinne. Kein Wunder, daß seine Ehen scheiterten und man
ihm sein Interesse für Poe schließlich als Geschlechtsirrtum auslegte.
Der Roman »Alraune«
(1911) brachte mit einer Millionenauflage und der Übersetzung in 25 Sprachen
den Welterfolg. Ewers träumt die Erschaffung einer künstlichen Frau,
Traum endgültiger Ekstase. Welcher Mann könnte sagen, dies je erlebt
zu haben? Welcher Mann wird dies je erleben? Öffnen sich nicht gerade die
Pforten des Cyber-Sex? Ewers führt eine Betrachtungsweise vor, die man
wohl am ehesten mit »Akzeptanz des Möglichen« - ganz im Gegensatz
zur »Diktatur des Alltäglichen« - beschreiben könnte.
Dazu zählt nicht nur die Akzeptanz menschlicher Leidenschaften in ihren
vielfältigsten und bizarrsten Ausprägungen, sondern auch die Akzeptanz
noch ungelebter aber theoretisch denkbarer Varianten des Daseins. Dabei drückt
er einen Glauben an das Schicksal aus, der sich nicht auf eine gottgegebene
Notwendigkeit stützt, wohl aber auf die Unvermeidlichkeit von Ereignissen,
hervorgerufen durch psychische Konstanten in der Person ihrer Protagonisten:
Der Mensch als schicksalhaft sich selbst ausgeliefertes Wesen! Und Ewers beschreibt Menschheitsträume
so, als wären sie unbeschränkt realisierbar: Sex, Macht, Exotik, Unabhängigkeit,
Vergottung. Schillert schließlich, sich selbst schon vergottet glaubend
als Ideologe der Amoral, driftet qualvoll in die Irre. Irgendwann hätte
er begriffen, »daß die Wahrheit garnicht das Wirkliche sei. Sondern
einzig und allein, die Dichtung. Die Phantasie. Das Träumen. Man kann auch
sagen, ganz grob: die Lüge. Sie und nichts anders ist das einzig Reale,
das greifbar Wirkliche auf dieser Welt.« (»Was ist Wahrheit?«,
in: »New Yorker Staatszeitung«, ca. 1914-1918) Es begann mit Vorträgen
über Literatur, weiter mit Lichtbildervorträgen über exotische
Reisen, Propaganda für eine elitäre jüdisch-deutsche »Kulturnation«,
steigerte sich nach Darstellungen des »göttlichen« Marquis
de Sade zu euphorischen Hymnen an Satan und kulminierte in Propaganda für
den aufkommenden Nationalsozialismus. Dann 1934 der Absturz, Schreibverbot und
nachfolgend das Vergessenwerden. Stempel 1: Nazi. Stempel 2: Trivialliteratur.
Zwei Facetten, von vielen, mehr nicht. Erst seit den 80er Jahren wird Ewers
in Deutschland wieder neu entdeckt, die Filmhistoriker fingen damit an - in
Frankreich hingegen blieb seine Beliebtheit ungebrochen. PUBLIKATIONEN Sekundärliteratur Zum Vertiefen empfiehlt
die Ewers-Gesellschaft: Das Buch ist beim Verlag
Grupello erhältlich.
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recommend (the introduction to): Introduced by Stephen E.
Flowers ISBN: 1-885972-15-6
Aktualisierte Zeitafel (Word-Document): Download (46 KB)
Hans Heinrich Ewers wurde am 3.11.1871 in Düsseldorf als Sohn des Malers
Heinz Ewers und der Schriftstellerin Maria aus'm Weerth geboren. 1888 erste
Gedichte; großes Vorbild ist Heine. 1898 Bekanntschaft mit Oscar Wilde.
Jurastudium. Geht 1901 nach Berlin. Freundschaft mit Gerhart Hauptmann, Erich
Mühsam, Marc Henry, Max Reinhardt, Frank Wedekind, Herwarth Walden, Else
Lasker-Schüler, Maximilian Harden, Stanislaw Przybyszewski, Victor Hadwiger,
Johannes Schlaf, John Henry Mackay, Paul Scheerbart, Roda Roda, Herbert Eulenberg,
Gustav Klimt, Ferrucino Busoni. 1901-1912 Ehe mit der Malerin Ilna Wunderwald.
1901 Mitbegründer, später Leiter des 1. deutschen Kabarett »Ueberbrettl«.
Ab 1906 deutscher Übersetzer und Herausgeber von Israel Zangwill. Mehrere
Weltreisen. Führt 1907 das Wort »Kintopp« ein. 1909 Mitbegründer
des »Schutzverbandes deutscher Schriftsteller« (SDS). 1911-1922
Freundschaft mit Walter Rathenau. 1912-1920 Beziehung mit der Malerin Marie
Laurencin. 1913-1914 Drehbuchautor, Star-Regisseur und später Leiter der
»Deutschen Bioscop«-Filmgesellschaft (Vorläuferin der »Ufa«).
Lebt 1914-1920 in den USA; dort deutschfreundliche Propagandatätigkeit
und Wandlung vom Kosmopoliten zum Nationalisten. 1918-1919 als Kriegsgefangener
in den USA interniert. Heiratet 1921 die amerikanische Sängerin Josephine
Bumiller. In den 20er Jahren Aufrufe zur Errichtung eines Heine-Denkmals in
Düsseldorf; Freundschaft mit Sexualforscher Magnus Hirschfeld. 1931-1933
Bekanntschaft mit dem »Hellseher« Hanussen. 1931 Aufnahme in die
NSDAP durch Hitler selbst. Bis 1934 Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten
(u.a. mit Joseph Goebbels, Ernst Röhm, Graf Helldorf, Prinz August Wilhelm,
Ernst Hanfstaengl) danach Schreib- und Publikationsverbot. Hilft verfolgten
jüdischen Freunden. 1939-1943 Beziehung mit der (halbjüdischen) Architektin
Rita Grabowski. 12.6.1943 Tod in Berlin.
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Romane: Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger, München: Georg Müller
1909; Alraune, München: Georg Müller 1911; Vampir, München: Georg
Müller 1920; Der Geisterseher, München: Georg Müller 1922; Fundvogel,
Berlin: Sieben Stäbe Verlag 1928; Reiter in deutscher Nacht, Stuttgart:
Cotta 1932; Horst Wessel, Stuttgart: Cotta 1932
Erzählungssammlungen: Das Grauen, München: Georg Müller 1907;
Die Besessenen, München: Georg Müller 1908; Nachtmahr, München:
Georg Müller 1922
Editionen: Rara. Eine Bibliothek des Absonderlichen (mit Heinrich Conrad), Stuttgart:
Robert Lutz 1910-1923 (6 Bände); Galerie der Phantasten, München:
Georg Müller 1914-1922 (8 Bände)
Opern: Die toten Augen (mit Marc Henry, Musik: Eugen d'Albert) 1912
Filme: Der Student von Prag (1913, 1926, 1935); Ein Sommernachtstraum in unserer
Zeit (1913); Alraune (1918, 1927, 1930, 1952)
Hans Krüger-Welf Hanns Heinz Ewers. Die Geschichte seiner Entwicklung,
Leipzig: Rainer Wunderlich 1922; Michael Sennewald Hanns Heinz Ewers. Phantastik
und Jugendstil, Meisenheim am Glan: Anton Hain 1973; Wilfried Kugel Der Unverantwortliche.
Hanns Heinz Ewers - Biografie und Psychogramm, Freie Universität Berlin
1987 (überarbeitete Buchfassung: Düsseldorf: Grupello 1992); Reinhold
Keiner Hanns Heinz Ewers und der Phantastische Film, Hildesheim/Zürich/New
York: Olms 1988; Rita Burkert Hanns Heinz Ewers' Roman Alraune (1911).
Analyse eines literarischen Erfolges, Freie Universität Berlin 1991
© Dr. Wilfried Kugel
der Text wird hier exclusiv mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentlicht.

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"Strange Tales"