Rausch und Kunst
von
Hanns Heinz Ewers


Indem ich nun das Ergebnis dieser Versuche auf Grund der Autorität der genannten Gelehrten als durchaus feststehend hinnehme, also die Überzeugung teile, daß Alkoholgenuß eine Herabsetzung der Fähigkeiten des Individuums im Allgemeinen - unter Umständen nach einer kurzen spontanen Steigerung - hervorruft, stelle ich jedoch die Behauptung auf, daß für ein künstlerisches Schaffen kaum einen wichtigeren Faktor geben kann, als der durch ein Narkotikum hervorgerufene Rausch.

Wie ein kluger Richter, der nur durch die Art der Fragestellung aus ungeschickten, juristisch nicht geschulten Zeugen alles das herausholen kann, was er hören will, hat D. van Bleuten seine Fragen gestellt; er hätte sie nur ein wenig modeln können und er würde von manchen Befragten eine ganz genau gegenteilige Antwort erhalten haben. Aber zunächst muß schon die ganze Art der Rundfrage diese für wissenschaftlich-statistische Zwecke als völlig unbrauchbar erscheinen lassen. Einen wieviel größeren Wert haben nicht die Rundfragen, die beispielsweise Dr. M. Hirschfeld zur Feststellung des Sexualgefühls beim Metallarbeiterverband, bzw. bei der Charlottenburger Studentenschaft veranstaltet hat! Jeder Befragte erhielt da eine Karte mit den Fragen, er hatte sie nur auszufüllen und ohne Namensnennung wieder in den Postkasten zu werfen. Es ist anzunehmen, daß kaum 10% der Befragten sich einen Ulk - der ja bei der Anonymität der Antworten völlig zwecklos war - erlaubten, daß der große Rest der Wahrheit gemäß seine Antworten machte. Bei van Bleutens Rundfrage aber war die Veröffentlichung mit vollem Namen von vornherein vorgesehen; es handelte sich nicht um eine wissenschaftlich diskrete Bearbeitung des eingelaufenen Materials, sondern darum, ein breiteres Publikum mit der Stellung einer Reihe von Schriftstellern zur Alkoholfrage bekannt zu machen. Bedenkt man weiter, daß kaum eine andere Berufsklasse so sehr mit dem großen Publikum in Berührung steht, als gerade die der Schriftsteller, daß ein großer Teil dieser Schriftsteller auf dieses Publikum, von dessen Gunst man materiell abhängig ist, eine übertrieben große Rücksicht nehmen zu müssen glaubt, so braucht man kein Prophet zu sein, um vorher zu wissen, daß eine ganze Reihe von Antworten auf den "guten Eindruck" zum mindesten zurechtgeschnitten sein würde. Und nun kann man nicht leugnen, daß die Temperenzbewegung - zum Glück für unser Land - außerordentliche Fortschritte macht, daß ihr wahrscheinlich die Zukunft gehört - was wunder, daß die überwältigende Mehrzahl der Antworten zu ihren Gunsten ausfallen mußte! Leider aber hat uns die Abstinenzbewegung von England aus eine üble Genossin mit hinübergeschmuggelt, die sich ihr von jeher eng an die Fersen geheftet hat: die Heuchelei. Wer möchte all die artigen Teehäuser in England und den Staaten zählen, in denen in verschwiegenen Hinterzimmern die Honoratioren, Vorstände der Mäßigkeitsverbände, insgeheim ihren Whisky schlürfen? Sie sind längst ein stehendes Besitztum aller englischen Witzblätter geworden. Gewiß ist der offene Trunkenbold sympathischer, als der Heuchler, der Wasser predigt und heimlich Schnaps trinkt! - Und diese Heuchelei mußte durch van Bleutens für die Öffentlichkeit bestimmte Rundfrage hervorgerufen werden: daß das in so erschreckender Weise geschah, hätte ich nicht gedacht. Bei manchen Antworten freilich ist das Eintreten für die Enthaltsamkeit nur ein grotesker Witz. Wenn z.B. der geniale Dichter des Kosmos, Paul Scheerbart sich den Satz leistet: "von einer Wechselwirkung zwischen Alkohol und Dichtung sollte man nach meiner Meinung nicht sprechen - eine solche Wechselwirkung würde ja die Dichtung kompromittieren, " so ist das genau derselbe blutige Ulk als wenn der Dichter sich im Kürschner als "ultramontanen" Schriftsteller bezeichnet. Es ist ein Hohn auf die an ihn gerichtete Frage, den nur der nicht merkt, der weder die Werke noch die starke Persönlichkeit unseres besten deutschen Humoristen kennt.

Ein anderes aber ist es, wenn manche trinkfeste Dichtersleute sich ganz ernsthaft in das Unschuldsmäntelein der Abstinenz hüllen. Und da wurden ihnen eben die Gewandstücke durch die geschickten Fragen van Bleutens freundlichst geliefert. Diese Fragen lauteten: 1. Nehmen Sie regelmäßig vor der künstlerischen Arbeit Alkohol in irgend einer Form zu sich, und welche Wirkungen schreiben Sie dem zu? 2. Haben Sie, falls Sie nicht regelmäßig vor der künstlerischen Arbeit Alkohol nehmen, es aber gelegentlich doch einmal getan haben, dann eine Steigerung oder eine Hemmung Ihrer Arbeitsleistung beobachtet? 3. Sehr dankenswert wäre eine Mitteilung Ihres Standpunktes zur Alkoholfrage im allgemeinen, besonders aber Ihre Beobachtungen über die Wechselwirkung zwischen Alkohol und Dichtung.

Nun aber ist der Alkohol nur eines der vielen mehr oder weniger angewandten Narkotika. Wollte van Bleuten trotzdem seine Rundfrage auf den Alkohol beschränken, so mußte er sagen, weshalb, mußte ferner vor allen Dingen die Unterfrage stellen: "Bedienen Sie sich außer oder statt des Alkohols eines anderen Narkotikums?" Denn es liegt doch auf der Hand, daß Antworten von Antialkoholikern, die beispielsweise Kokainisten sind, für das Ergebnis ganz wertlos sind. Eine wenige der Beantworter der Rundfrage fühlen diesen Mangel. Sie kommen von selbst auf den Nikotingenuß usw. zu sprechen; die meisten aber klammern sich an die engbegrenzte Frage und fühlen sich als berufene Temperenzapostel. Es wirkt für den Eingeweihten geradezu lächerlich, wenn einer der Herren, ein ausgesprochener Morphinist, sich ganz stolz in seine Toga hüllt und gegen den Alkohol wettert. Wenn man hundert Mark hat, ist es doch einerlei, ob man das Geld in Papier oder Gold, in Nickel Silber oder Kupfer besitzt, ebenso gleichgültig ist es für die Tatsache des Rausches, ob dieser durch Alkohol oder Haschisch, durch Kokain oder Mescal hervorgerufen wurde. Der Frager durfte also seine Frage keineswegs auf den Alkohol beschränken, er mußte versuchen, Antworten über die Wechselwirkung zwischen "Narkotikum und Dichtung" (nicht nur zwischen Alkohol und Dichtung) zu erlangen und mußte zu verstehen geben, daß zu den Narkotika auch harmlose Gifte, wie Tee und Kaffee gehören. Nicht der ist "enthaltsam", der sich des Alkohols enthält, sondern nur der, der eines jeden Narkotikums durchaus entsagt! - Ich bin überzeugt, die Antworten wären ganz andere geworden, ja vielleicht wenn sie alle ehrlich gewesen wäre, würde kaum eine darunter sein, deren Schreiber nicht irgend ein kleines Rauschmittelchen - bewußt oder unbewußt genommen - hätte zugestehen müssen.

Des weiteren berührt D. van Bleuten mit keinem Wort den Unterschied zwischen dem Genuß von Rauschmitteln als Stimulans zum Schaffen und dem künstlerischen Schaffen aus dem Rausche selbst, und natürlich beachtet die weitaus große Mehrzahl der Beantworter diesen Unterschied ebensowenig. Die Stimulantien sind nun so außerordentlich verschieden, wechseln bei einzelnen Individuen so oft, daß es schlechterdings unmöglich erscheint, darüber irgend etwas festzustellen. Alkohol kommt kaum in Betracht: Frage 1 wurde denn auch von fast allen Befragten negativ beantwortet. Die faulen Äpfel Schillers, die Spitzen Wagners, der Schlafrock Balzacs bei Wilde, das violette Papier des einen, die Katze auf dem Schreibtisch des anderen, ein Schälchen Mokka, eine Tanagrafigur, ein Busch Chrysanthemen - das alles und hundert andere sind Stimulantien. Sie haben mit dem künstlerischen Schaffen an sich garnichts zu tun, sind stets individuell verschieden und lassen sich nur selten aus der Psyche des einzelnen heraus erklären. Nun aber sind die Fragen van Bleutens so aufgeabut, daß die Mehrzahl der Angefragten sie auf den Alkohol als Stimulans bezog - mit einem guten Rechte konnten sie also abgelehnt werden. Jeder, der nicht neben das Tintenfaß die Weinflasche hinstellt, konnte stolz die erste Frage verneinen. So schreibt Herbert Eulenberg mit einem köstlich naiven Humor: "Ich trinke niemals unmittelbar vor oder während der Arbeit Alkohol ". Dieses "unmittelbar" ist ehrlich, man kann es ruhig bei fünfzig anderen Antworten einschieben. In der Tat, als Stimulans ist Alkohol - oder ein anderes Narkotikum - ganz irrelevant, wenn es hin und wieder gebraucht wird, erweckt es nicht mehr Interesse als jedes andere Zufallsstimulans.

Auf das eine kommt es an: vermag ein durch ein Narkotikum hervorgerufener Rausch unter Umständen zum Schaffen eines Kunstwerkes zu verhelfen? Und ich beantworte diese Frage dahin: Es vermag nicht nur das, sondern es kann sogar unter Umständen völlig neue Kunstwerke hervorbringen. Vermag ich das es beweisen, so ist damit für den Künstler die "Alkoholfrage" gerichtet, sie geht ihn für seine Person ebensowenig etwas an, wie alle möglichen anderen Sitten und Gesetze, über denen er steht.

Nun ist gewiß, daß ein jedes Individuum das höchste was seine Intelligenz überhaupt zu leisten imstande ist, in der Ekstase leistet. Durch welche Mittel eine solche Ekstase hervorgerufen wird, ist für den Wert des in der Ekstase geleisteten völlig gleichgültig, mögen sie noch so verwerflich sein. Wenn der Schöpfer ein herrlicher Mensch ist, wenn die Art seines Schaffens eine herrliche ist... um so besser; aber die Erhabenheit seines Werkes wird um kein Deutchen geringer, wenn das nicht der Fall ist. Das trifft immer zu, am meisten aber beim künstlerischen Schaffen. Nun sind die Ursachen, die eine künstlerische Ekstase hervorzurufen geeignet sind, nicht so billig wie Brombeeren. Die inneren Erlebnisse, die jedes Menschenleben kennt, werden immer seltner, je gereifter der Mensch wird, vermögen immer weniger eine Ekstase hervorzurufen. Der Jüngling schwimmt in Ekstasen, aber er weiß damit nichts anzufangen; der gereifte Mann weiß es genau, aber die Ekstasen bleiben aus. Sterile Monate, Jahre. Daher die innere Berechtigung der Phrasen: der Rausch der Jugend, die Ruhe des Mannesalters. Der Lauf des begabten Durchschnittkünstlers: Jugend, Ekstase ohne Können; Alter, Können ohne Ekstase! Und niemals ein volles Kunstwerk! Nun ist aber der durch Narkotika bewirkte Rausch zweifellos geeignet, unter gewissen Umständen späterhin einmal eine Ekstase hervorzurufen - warum soll man sich also dieses Mittels nicht bedienen? Etwa weil es nicht "natürlich" ist? Das in Eisfabriken hergestellte Eis macht gerade so kalt wie das auf dem Teiche gefrorene; und ob die zum Schaffen nötige Ekstase aus einer großen Liebe hervorgeht oder aus einer Weinflasche, erscheint völlig gleichgültig für den Wert des Kunstwerkes. Im Grunde ist das auch nicht der Unterschied: "natürlich und künstlich" sondern das: bewußt und unbewußt.

Von einem Schaffen im Rausche selbst kann fast nie die Rede sein, ebenso selten von einem Schaffen im Jammer. Aber beide, der Rausch sowohl wie die Reaktion sind geeignet, Saiten in dem Künstler anklingen zu lassen, deren Schwingungen - vielleicht irgendwenn später einmal - eine Ekstase herzurufen vermögen. Diese Schaffensekstase ist stets in einem physisch durchaus nüchternen Zustande. Freilich vermag auch der schönste Rausch nie und nimmer aus einem Menschen etwas herauszuholen, das nicht in ihm steckt. Man kann irgendeinen Philister in den herrlichsten Haschischrausch und er wird doch niemals in der Folge ein Kunstwerk schaffen können. Und da lange nicht alle Maler und Bildhauer, Dichter und Tondichter - Künstler sind, so wird auch bei sehr vielen ein Experimentieren mit dem Rausche völlig zwecklos sein.

Ganz zu verwerfen ist jedenfalls eine Gewöhnung für lange Zeit an ein bestimmtes Narkotikon. Der Gewohnheitstrinker kennt in den meisten Fällen keinen Rausch mehr, ebensowenig der Gewohnheitsraucher, der Morphinist, der Kokainist, der Haschischist. Allein das Opium scheint fast stets einen Rausch hervorzurufen, es ist auch das einzige Gift, das lediglich um des Rausches willen genommen wird, während bei allen anderen narkotischen Mitteln die Rauschwirkung selbst von den Gewohnheitsnehmern durchaus nicht beabsichtigt wird. Es kommt demnach für die Zwecke des Künstlers lediglich ein gelegentliches - nicht aber bloß einmaliges - Genießen von Narkotiken in Betracht, mit der ausgesprochenen Absicht der Rauschwirkung. Das künstlerische Verarbeiten des im Rausche gewonnenen und erschauten hat erst später nach dem Rausche und nach der folgenden Reaktion zu geschehen. Kurze Sätze, ja nur Worte, die man in der Erinnerung des Rausches niedergeschrieben hat, werden oft noch nach Jahren genügen, um ein ganzes Rauschbild wieder wachzurufen.

Hier sind einige Momente, die der Künstler aus dem Rausche gewinnen und später in Kunstwerken werten kann: Eminente Steigerung des Gedächtnisses, eine Erinnerung bis in die allerfrüheste Kindheit (Haschisch), Überfülle von Bilder, unerhörte Farbenskalen (Peyote), groteske Verzerrung alles Gesehenen, Entstehung toller neuer Formen (Muscarin), das tiefe Erfassen einer Stimmung, die Wochen lang nachschwingt, Teilung der Persönlichkeit, Leben in zwei und mehr Ich's (Haschisch), rhythmisches Sein, Erfassen der inneren Notwendigkeit des Tanzes (Kawa-Kawa), unbegrenzte Verfeinerung aller Sinne, reichste Aufnahmefähigkeit, die den Prozeß des künstlerischen Schaffens bedingt, reines Glück (Haschisch), plastisches Sehen, unerhörte Wollust (Opium), Verschiebung des Zeitbegriffes, Fliegen, (Bilsenkraut in allen Verbindungen) usw. usw.

Im Allgemeinen: in den Narkotiken liegen für den Künstler ungeheure Schätze verborgen. Es ist ein fast unbetretenes Goldland, aus dem der kluge und glückliche Finder immer und immer wieder neue Kunstwerke herausschlagen mag. Freilich wird das künstlerische Schaffen durch das bewußte Arbeiten mit den Hilfsmitteln des Rausches keineswegs erleichtert. Im Gegenteil: des Künstlers stets nachträgliche Arbeit ist im allgemeinen sehr viel schwieriger, oft ungemein erschwert: der Durchschnittsschriftsteller oder Maler wird schließlich überhaupt nichts mit dem etwa gefundenen anfangen können, da ihm das beliebte "Klischee" völlig fehlt. - Der Philister sagt: "Das künstlerische Schaffen ist überhaupt keine Arbeit, es ist ein Vergnügen!" Das ist die schmälichste Lüge, die je ein satter Bürger ausgedacht; der, der es zuerst aussprach, und die große Masse, die es gedankenlos nachplappert, haben nie einen Hauch der Ekstase verspürt, die allein künstlerisches Schaffen bedingt. Und diese Ekstase ist immer eine Qual, ein Leiden, selbst dann, wenn - in seltenen Fällen - der Grund, der sie hervorrief, ein Genuß war.

So ist also der Rausch nicht etwa eine Art Pianola, das jedem in kurzer Zeit prächtig zu dichten, zu malen oder zu komponieren ermöglicht. Im Gegenteil: Die Umwertung des im Rausche erfaßten Unbewußten in das Bewußte ist eine Arbeit, die nur ein Individuum, das große Intelligenz mit starkem Talente verbindet, zu leisten imstande ist.

aus: "Das Blaubuch", 1906, pp. 1726-1730


Text verwendet mit freundlicher Genehmigung von Dr. W. Kugel, Berlin.

© W.Kugel