Schnitter zu Schafsköpfen:
Helles Inszenierung von «Die toten Augen» im Theater Aachen gibt
Rätsel auf
Aachen. Endlich! Beim fünften Anlauf gelingt dem Musiktheater der «Ära Esterhazy» abseits von intellektueller Kopflastigkeit und Primitivität so etwas wie vollsaftige Oper. Das Objekt «Die toten Augen» von Eugen d´Albert, mag zweifelhaft sein. Man wählte es vermutlich, weil es in das die Spielzeit beherrschende «Blinden»-Konzept passt, wohl weniger seines künstlerischen Niveaus wegen.
Was die meisten Aachener Musikkritiker anlässlich der Aufführungen von «Die toten Augen» anno 1920 und 1931 schrieben und was Dramaturgin Marie Luise Maintz für das Programmheft ausgegraben hat, wird man auch heute noch unterschreiben müssen: Das Libretto des Sensations-Romanciers Hanns Heinz Ewers («Alraune» 1913), in dem das Gleichnis vom Guten Hirten und Jesu Einzug in Jerusalem bedenkenlos mit einer krassen Kolportagehandlung gekoppelt wird, ist psychologisch flach. Keine einzige Figur ist wirklich durchgezeichnet.
Und die gewiss «schöne» Musik von d´Albert nimmt ihre Anleihen dort, wo sie sie bekommen kann: bei Richard Strauss' glänzender Orchesterkunst, bei Puccinis überredender Melodik, ja sie gerät sogar gelegentlich gefährlich in die Nähe Léhars. Aber wirkungssicher ist das allemal.
Regie führte der erfolgreiche Schauspieldirektor Michael Helle. Er verzichtete geschmackvoll auf den orientalisierenden Naturalismus der Vorlage. Wenn es um das Neue Testament geht, ist die Flucht in die Bildende Kunst ratsam.
Der des Werkes naturgemäß unkundige Theaterbesucher, der sich anhand der Inhaltsangabe im Programmheft orientiert, wird allerdings erstaunt sein, statt des «Jerusalems am Palmsonntag» auf der Bühne so etwas wie ein Bildermagazin vorzufinden, in dem sich die italienische Malerei des 16. Jahrhunderts von Raffaels Madonna Granduca bis zu Tizians Assunta auf großen Tafeln stapelt (Bühnenbild Hartmut Schörghofer).
Das Vorspiel mit dem Guten Hirten behandelt Helle statuarisch, wobei lediglich die Verwandlung der Schnitter in Schafsköpfe ein wenig Erstaunen macht. Arcesius, der Gesandte des Römischen Senats, bindet sich die Krawatte und trinkt genüsslich eine Tasse Kaffee. Hässlich und verwachsen, wie es die Vorlage will, ist er keineswegs, und man begreift seine Angst vor dem Erkanntwerden durch seine von ihrer Blindheit geheilten Gattin Myrtocle nicht. Galba ist ein kleiner Uniformierter.
Es ist halt immer das gleiche: die heute modische Transposition einer historischen Vorlage in die Gegenwart muss mit dramaturgischen Querständen bezahlt werden. Sie fielen hier weniger ins Gewicht, da man die Texte größtenteils nicht verstand. Aber sie waren zuhauf da. Das gilt auch für die nur schwer verständlichen Chorszenen. Immerhin: Helle versteht sich auf eindrucksvolle Personenführung. Das war gekonnt.
D´Albert setzt ein großbesetztes Strauss-Orchester ein, das auf weiten Strecken «auf Hochtouren» läuft. Elio Boncompagni wußte es dynamisch flexibel und differenziert zu führen. Wenn die Protagonisten auf der Bühne es dennoch schwer hatten, so lag das nicht am Dirigenten.
Es hilft alles nichts: Dieses Stück verlangt ausgewachsene Puccini-Stimmen und über die verfügt Esterhazys Ensemble nicht. So eindrucksvoll, ja bewundernswert die Leistung von Sabine Türner als Myrtocle auch war - besonders schön ihre Arie von Amor und Psyche - die Partie liegt an der Grenze ihres Vermögens und man kann nur hoffen, dass ihr dieser Ausflug in heikles Gelände stimmlich nicht schadet schadet.
Ähnliches gilt für Derrick Lawrence, den Arcesius, so schön seine Stimme auch ist. Da ist ein vollblütiger Bariton gefragt. Einzig der unverwüstliche Robert Woroniecki, der Galba, kommt «drüber», wenn sein Tenor auch heute mehr Kraft als Schmelz verströmt.
Weniger exponiert die Partie der Sklavin, der Sabine Goetz lockeren, leuchtkräftigen Sopranglanz verlieh. Allen anderen ein Gesamtlob. Viel und herzlicher Beifall für einen zumindest anregenden Opernabend.
Alfred Beaujean, 14.01.2001
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