"Der Hampelmann"
von
Hanns Heinz Ewers


Da saß er mit den Studenten, ganz vorne in der ersten Reihe. Sie warfen den Tänzerinnen Blumen hinauf und schickten Wein den Soubretten, die schauderhafte Lieder plärrten. Dann kam der Damenimitator - der war der elendeste von allen. Er sang und tanzte, arbeitete mächtig für das bißchen Brot. Zum Schluß aber kam er als Hampelmann. Sang ein scheußliches Lied mit sieben langen Strophen, stets einen Kehrreim dazu. Der lautete: "Seht den kleinen Hampelmann, Wie der hampeln, strampeln kann! Und die Damen und die Herrn Hampeln, pampeln, strampeln gern! Frauchen zieht am Hampelmann Und das Männchen strampelt dann, Rampelt, pampelt Tag und Nacht, Wie ihn Frauchen hampeln macht!" Dann kam die Hampelei. Er sprang auf, warf rechts und links die Beine auseinander, riß zugleich die Arme in die Höhe. Fiel herunter, sprang von neuem auf - wieder und wieder. Grölte dazu die geistreichen Hampelverse. Sieben Strophen hindurch - und immer von neuem dies Gehopse. Aber man sah die Überanstrengung des schwindsüchtigen Männchens - dem Publikum gefiel die Nummer gar nicht. Doch Frank Braun klatschte. "Er soll tanzen, bis er umfällt!" rief er. Winkte der alten Blumenfrau, griff in ihren Korb, warf bunte Sträußchen auf das Podium. Und die Korpsbrüder folgten seinem Beispiel, warfen Blumen, schrien und klatschten. Da hampelte der Kerl von neuem. Seine Augen strahlten über den Erfolg - und doch lag eine starre Angst darin, ob ers aushalten möchte. Aber er hopste, sprang und sang. Neuer Beifall, mehr Blumen. Geschrei und Gejohle. Da capo und Bis! Das Männchen sprang. Der Schweiß rann ihm in Bächen herab, grub lange Rinnen durch Schminke und Puder. Seine Sprünge wurden matter und schwächer; dann biß er sich auf die Lippen, riß sich zusammen, schnellte von neuem hoch. Das war sein großer Tag, sein starker Erfolg - ah, es mußte aushalten. Vielleicht begriff die Menge. Vielleicht auch machte sie nur mit, weil es ein wilder Spaß war, ein Radau und Fez. Alle klatschten nun, das ganze Publikum brüllte und schrie. Hampeln mußte die Schwindsucht da oben, hampeln. Die Kehle war so ausgeschrien, daß kaum mehr ein heiseres Krächzen noch herauskam, doch hörte man gut das Rasseln und Röcheln der halben Lungen. Aber die Musik ging weiter, schnell, schnell, warf ihm die dünnen Beinchen hoch. Er stand unter der ersten Sufitte, verbeugte sich tief, dankte, machte Gesten mit den Händen, daß es nun nicht mehr ginge. Und sog doch den Jubel ein, strahlend glücklich, voll von schwellendem Stolz. Nein, nein, sie ließen ihn nicht aus. Diese Grausamkeit, die von Frank Braun ausging, kroch in alle Hirne, schlug in Flammen heraus, verlangte rasend das jämmerliche Opfer. Alles heulte und brüllte, die Studenten warfen Geld hin zur Musik - daß sie von neuem einsetzte. Und der Kapellmeister schwang den Taktstock. Nun war es nichts Menschliches mehr, das da oben sprang. Eine lahme Puppe wars, ein Hampelmann, dem die Strippe zerriß. Noch immer öffnete sich, schloß sich der Mund, aber zu einem Atemholen nur, zu einem elenden Japsen, zu einem Kampf nur mit einem krächzenden Husten. Dann hing das Maul offen - da fiel ihm das Gebiß heraus. Er griff es schnell, klemmte es fest in der Hand. "Er löst sich auf!" lachte Frank Braun. Der Schwindsüchtige kroch zurück in die Kulissen, klammerte sich fest, schlotternd und zitternd. Doch die Menge schrie weiter und johlte. Eine Soubrette trat auf, die Musik setzte ihr Lied ein. Aber man ließ sie nicht singen. Man schrie sie an, warf allen möglichen Kram nach ihr. Sie hielt aus, so gut es ging, da schleuderte einer der Studenten einen leeren Blumenkorb hinauf. Nun riß sie aus. Und das Publikum schrie nach dem Männchen. Alle kreischten den Kehrreim: "Seht den kleinen Hampelmann, Wie der hampeln, strampeln kann -" Noch einmal kam es heraus, noch einmal sprang das Männchen. Zappelte, hopste. Fiel dann. Stand auf, überschlug sich, schwankte, rollte über den Boden. Knickte ein, schrie auf, preßte beide Hände vor den Mund. Stürzte in die Kulissen. Immer noch klatschten sie. Wurden ruhig endlich. Ließen die Soubrette ihre Zoten grölen. Die Studenten gingen. Aber einer blieb zurück, der kam erst später nach bin die Weinstube. "Ich war hinten," sagte er. "Der Kerl hat einen Blutsturz bekommen." Ein anderer fragte: "Na, was hast du angeordnet? Bist doch Mediziner!" "Nichts!" erwiderte der. "Es waren schon zwei Ärzte da." Einen Augenblick schwiegen sie. Da machte der lange Ballus seinen behäbigen alten Witz: "Daraus kann man wiederum ersehn, daß man nicht zu viel hampeln soll." Frank Braun rief: "Trinkt doch - was kümmert euch der Clown! Er hat seine Pflicht erfüllt in dem Leben da: hat mir Spaß gemacht dreiviertel Stunden lang!" So lachte er, das war seine wilde Geste. Und doch: Lüge wars! - Er hatte bebend dagesessen all die Zeit über, zitternd, ächzend, sich windend in den Schmerzen des springenden Männchens. Hatte gelitten, ah, all diese Qualen - Aber hochmütig die Maske, wüst und frech -

(aus: Vampir, München: Georg Müller 1920, pp. 347-350)

© Dr. Wilfried Kugel,
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