Da saß er mit den Studenten, ganz vorne in der ersten Reihe. Sie warfen
den Tänzerinnen Blumen hinauf und schickten Wein den Soubretten, die schauderhafte
Lieder plärrten. Dann kam der Damenimitator - der war der elendeste von
allen. Er sang und tanzte, arbeitete mächtig für das bißchen
Brot. Zum Schluß aber kam er als Hampelmann. Sang ein scheußliches
Lied mit sieben langen Strophen, stets einen Kehrreim dazu. Der lautete: "Seht
den kleinen Hampelmann, Wie der hampeln, strampeln kann! Und die Damen und die
Herrn Hampeln, pampeln, strampeln gern! Frauchen zieht am Hampelmann Und das
Männchen strampelt dann, Rampelt, pampelt Tag und Nacht, Wie ihn Frauchen
hampeln macht!" Dann kam die Hampelei. Er sprang auf, warf rechts und links
die Beine auseinander, riß zugleich die Arme in die Höhe. Fiel herunter,
sprang von neuem auf - wieder und wieder. Grölte dazu die geistreichen
Hampelverse. Sieben Strophen hindurch - und immer von neuem dies Gehopse. Aber
man sah die Überanstrengung des schwindsüchtigen Männchens -
dem Publikum gefiel die Nummer gar nicht. Doch Frank Braun klatschte. "Er
soll tanzen, bis er umfällt!" rief er. Winkte der alten Blumenfrau,
griff in ihren Korb, warf bunte Sträußchen auf das Podium. Und die
Korpsbrüder folgten seinem Beispiel, warfen Blumen, schrien und klatschten.
Da hampelte der Kerl von neuem. Seine Augen strahlten über den Erfolg -
und doch lag eine starre Angst darin, ob ers aushalten möchte. Aber er
hopste, sprang und sang. Neuer Beifall, mehr Blumen. Geschrei und Gejohle. Da
capo und Bis! Das Männchen sprang. Der Schweiß rann ihm in Bächen
herab, grub lange Rinnen durch Schminke und Puder. Seine Sprünge wurden
matter und schwächer; dann biß er sich auf die Lippen, riß
sich zusammen, schnellte von neuem hoch. Das war sein großer Tag, sein
starker Erfolg - ah, es mußte aushalten. Vielleicht begriff die Menge.
Vielleicht auch machte sie nur mit, weil es ein wilder Spaß war, ein Radau
und Fez. Alle klatschten nun, das ganze Publikum brüllte und schrie. Hampeln
mußte die Schwindsucht da oben, hampeln. Die Kehle war so ausgeschrien,
daß kaum mehr ein heiseres Krächzen noch herauskam, doch hörte
man gut das Rasseln und Röcheln der halben Lungen. Aber die Musik ging
weiter, schnell, schnell, warf ihm die dünnen Beinchen hoch. Er stand unter
der ersten Sufitte, verbeugte sich tief, dankte, machte Gesten mit den Händen,
daß es nun nicht mehr ginge. Und sog doch den Jubel ein, strahlend glücklich,
voll von schwellendem Stolz. Nein, nein, sie ließen ihn nicht aus. Diese
Grausamkeit, die von Frank Braun ausging, kroch in alle Hirne, schlug in Flammen
heraus, verlangte rasend das jämmerliche Opfer. Alles heulte und brüllte,
die Studenten warfen Geld hin zur Musik - daß sie von neuem einsetzte.
Und der Kapellmeister schwang den Taktstock. Nun war es nichts Menschliches
mehr, das da oben sprang. Eine lahme Puppe wars, ein Hampelmann, dem die Strippe
zerriß. Noch immer öffnete sich, schloß sich der Mund, aber
zu einem Atemholen nur, zu einem elenden Japsen, zu einem Kampf nur mit einem
krächzenden Husten. Dann hing das Maul offen - da fiel ihm das Gebiß
heraus. Er griff es schnell, klemmte es fest in der Hand. "Er löst
sich auf!" lachte Frank Braun. Der Schwindsüchtige kroch zurück
in die Kulissen, klammerte sich fest, schlotternd und zitternd. Doch die Menge
schrie weiter und johlte. Eine Soubrette trat auf, die Musik setzte ihr Lied
ein. Aber man ließ sie nicht singen. Man schrie sie an, warf allen möglichen
Kram nach ihr. Sie hielt aus, so gut es ging, da schleuderte einer der Studenten
einen leeren Blumenkorb hinauf. Nun riß sie aus. Und das Publikum schrie
nach dem Männchen. Alle kreischten den Kehrreim: "Seht den kleinen
Hampelmann, Wie der hampeln, strampeln kann -" Noch einmal kam es heraus,
noch einmal sprang das Männchen. Zappelte, hopste. Fiel dann. Stand auf,
überschlug sich, schwankte, rollte über den Boden. Knickte ein, schrie
auf, preßte beide Hände vor den Mund. Stürzte in die Kulissen.
Immer noch klatschten sie. Wurden ruhig endlich. Ließen die Soubrette
ihre Zoten grölen. Die Studenten gingen. Aber einer blieb zurück,
der kam erst später nach bin die Weinstube. "Ich war hinten,"
sagte er. "Der Kerl hat einen Blutsturz bekommen." Ein anderer fragte:
"Na, was hast du angeordnet? Bist doch Mediziner!" "Nichts!"
erwiderte der. "Es waren schon zwei Ärzte da." Einen Augenblick
schwiegen sie. Da machte der lange Ballus seinen behäbigen alten Witz:
"Daraus kann man wiederum ersehn, daß man nicht zu viel hampeln soll."
Frank Braun rief: "Trinkt doch - was kümmert euch der Clown! Er hat
seine Pflicht erfüllt in dem Leben da: hat mir Spaß gemacht dreiviertel
Stunden lang!" So lachte er, das war seine wilde Geste. Und doch: Lüge
wars! - Er hatte bebend dagesessen all die Zeit über, zitternd, ächzend,
sich windend in den Schmerzen des springenden Männchens. Hatte gelitten,
ah, all diese Qualen - Aber hochmütig die Maske, wüst und frech -
(aus: Vampir, München: Georg Müller 1920, pp. 347-350)
© Dr. Wilfried Kugel,
der Text wird hier exclusiv mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentlicht.